RespAct!

Ein Modellprojekt auch für die Prävention

In dem Projekt »RespAct«, das vom Programm »Generation 2.0« des Landesjugendringes Niedersachsen gefördert wurde, erarbeiten Jugendliche unter Anleitung einen Song, zu dem auch ein Video gedreht wird. Es ist als Modellprojekt gedacht, denn das fertige Musikvideo soll an Schulen gezeigt werden, um anschließend mit den Schülerinnen und Schülern vor Ort in AGs oder Projektwochen etwas Vergleichbares zu entwickeln.

Auch wenn am Ende ein Fazit gezogen wird, dies ist kein Vortrag und keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern einfach ein Bericht, eine Art Blog, passend zu dieser Art von Projekt. Er ist ganz bewusst nicht frei von Emotionen, schließlich lebt Prävention von, für und wegen Emotionen.

Wie sehr wir alle unsere Vorurteile mit uns herumtragen, zeigt das »Label-Spiel« am Anfang des Projektes. Musikerin Sophie Arenhövel heftet allen teilnehmenden Jugendlichen und auch ihren Projektleitungs-Kollegen Nino Zautashvili, Christian Jakober und Bernard Ngassa, alle ebenfalls Musiker, je einen Aufkleber mit einer Rollenbezeichnung auf die Stirn, die alle anderen lesen können, nur die betroffene Person selbst kennt sie nicht: »ich verstehe kein Deutsch«, blind, Außenseiter_in, cooler Typ, Emanze, Chef_in, VIP (very important person), Asylbewerber_in, Mauerblümchen, japanische_r Tourist_in, streng gläubiger Moslem/Muslima, Hartz 4-Empfänger_in.

Dazu stellt Sophie den Spielern verschiedene Aufgaben. Die meisten Beteiligten zeigen recht schnell ein zu ihrer Rolle passendes Verhalten, obwohl sie diese gar nicht kennen und nur aus den Äußerungen der Mitspieler Rückschlüsse ziehen können. Natürlich überziehen alle in ihrer Darstellung ein wenig, schließlich geht es an dieser Stelle nicht um politische Korrektheit.

In der anschließenden Reflexion sollen zunächst alle Mitspielerinnen und Mitspieler einschätzen, wen bzw. was sie dargestellt haben und kommen dabei der Wahrheit meist recht nah. In der Folge berichten die Teilnehmenden mit Migrationshintergrund, die ihre Wurzeln in Afrika, der Türkei oder Georgien haben, wie sie erste Begegnungen mit Deutschen erlebt haben und was sie persönlich als diskriminierend empfinden. Sie berichten über ihre Beobachtungen und die Schlüsse, die sie gezogen haben. Viele stören sich beispielsweise an der Frage: »Woher kommst du?«, weil sie erfahren mussten, dass der zweite Teil »... und wann gehst du zurück?« oft mitgedacht, wenn auch nicht immer ausgesprochen wird.

»Wenn man aber wirklich an der Geschichte einer Person interessiert ist, wie fragt man, ohne jemanden zu verletzen?« Als Christian diese Frage aufwirft, ist gleichzeitig die Grundidee für den Song gefunden, der hier entwickelt werden soll.

Es soll ein rockiger Song mit Rap-Elementen und balladigen Abschnitten werden, also schon eine gewisse Bandbreite abdecken. Inhaltlich soll es darum gehen, dass ein Mensch viele verschiedene Facetten aufweist und dass Jugendliche sich gelegentlich fragen, was sie wirklich ausmacht.

Bernard und Christian gestalten die Grundrhythmen, Sophie und Nino entwickeln mit den späteren Solistinnen Aycin Akbayir, Nelly Akyol und Luisa Schramm sowie Okka Flechsig erste Textideen, zunächst einmal für den Refrain. Daran wird dann gemeinsam gefeilt, bis alle mit Aussage und Wortwahl zufrieden sind: 

Willst Du wissen -
Willst Du wissen, wer ich bin?
Ich lad Dich ein in meine Welt,
Vergiss was Du weißt,
Und lern' mich kennen.
Du siehst mich an,
Es trügt der Schein,
Zurück auf Null,
Alles ist offen und anders.


Am Ende des ersten Wochenendes wird von diesem Refrain eine Singstimme nach der anderen aufgenommen, denn es gibt nur ein abgeschirmtes Mikrophon und einen Kopfhörer.

Beim nächsten Treffen geht es an die Strophenarbeit. Unterstützt von Nino beschäftigen sich Luisa und Okka mit dem Intro, Aycin schreibt mit Sophie an einem philosophischen Textteil, Nelly versucht sich am Rap-Teil, mit Hilfe von Christian und später auch von Bernard, der außerdem mit der Kamera Material für die Video-Dokumentation sammelt. Zwischendurch wird über die Gruppen hinweg diskutiert und gemeinsam verbessert, bis der Text komplett fertig ist. Dann wird wieder eingesungen, jede Stimme für sich.

Damit ist die Arbeit am eigentlichen Song beendet, jetzt kann das Video angegangen werden. Bernard hat einige Szenen schon genau im Kopf, zum Beispiel möchte er an einer Schule drehen, mit möglichst vielen Schülerinnen und Schülern – »drei oder vier Klassen«. Wir fragen bei einem Oldenburger Schulzentrum an und finden zu unserer großen Überraschung nicht nur einen sehr aufgeschlossenen Schulleiter, der jede nur denkbare Unterstützung leistet, sondern auch einen Termin, was bei Bernards sonstigen Verpflichtungen gar nicht selbstverständlich ist.

Am vereinbarten Tag sitzen dann tatsächlich vier Klassen im Mehrzwecksaal der Schule – oder sind es sogar sechs? Sie lassen sich erzählen, worum es geht, und schließlich spielen wir den Song vor, eine echte Feuerprobe, denn wir haben bisher keine wirkliche Resonanz erhalten. Alle hören aufmerksam zu, das ist auch nötig, denn die mitgebrachte Mini-Anlage ist für den Raum viel zu klein. Wir sind sehr froh und erleichtert, als der große Beifall ausbricht.

Während Bernard Gruppen von Freiwilligen zusammenstellt, die bereit sind, als »Gesangs-Double« vor die Kamera zu treten, baut der Hausmeister die schuleigene Anlage auf, denn die Doubles müssen den Text genau hören, um lippensynchron sein zu können. Schnell wird aber auch klar, dass wir hier und heute nur Szenen für den Refrain bekommen werden, für die Strophen müssten wir in einen Klassenraum, dafür reichen weder die Zeit noch unsere technische Ausrüstung.

Bernard lässt den Refrain immer und immer wiederholen, filmt jede der Gruppen mehrfach aus verschiedenen Perspektiven, motiviert und korrigiert. »Im Refrain geht es um Anerkennung und auch Stolz. So etwas sagt man nicht freundlich lächelnd, sondern mit entschlossenem Gesichtsausdruck«, sagt er freundlich lächelnd. »Und genau so solltet ihr das singen!« Im nächsten Anlauf sieht es schon besser aus.

Um die Hilfsbereitschaft an diesem Ort nicht allzu sehr zu strapazieren und außerdem weiter für das Projekt zu werben, beschließen wir, die Szenen im Klassenraum an einer anderen Schule zu drehen, und wir finden tatsächlich in einem weiteren Schulzentrum ebenso große Unterstützung wie im ersten. Dort öffnet man uns am späten Nachmittag einen Raum – Luisa und Aycin, die als Solistinnen unbedingt dabei sein müssen, können nicht früher. Eine ganze Schulklasse bekommen wir um diese Tageszeit nicht zusammen, dafür sind die wenigen, die sich einfinden, umso engagierter bei der Sache.

Wir haben eineinhalb Stunden Zeit, das genügt gerade so, um Szenen für das Intro und das Ende des Videos zu drehen. Bernard dreht wieder aus verschiedenen Perspektiven, um genug Material für Umschnitte zu haben. Ganz hat er seine Vorstellungen nicht umsetzen können, aber er freut sich sehr über die Mitarbeit der Schülerinnen und Schüler und macht ihnen das auch unmissverständlich klar.

Nun fehlt nur noch der mittlere Teil, der Rap. Er soll in einer Art Diskothek aufgenommen werden. Nelly, die dritte Solistin, wird dafür gebraucht, ein männlicher Gegenpart, den ein Schüler spielt, und ein paar Statisten, die teils zufällig gerade da sind, teils von Bernard herbestellt werden.

Für Nelly ist der Rap-Text zwar nicht neu, schließlich hat sie ihn mit entwickelt, aber die endgültig verwendete Fassung hat sie noch nicht gehört. Ihr Duett-Partner kennt den Text gar nicht. Während Bernard die Scheinwerfer aufstellt, lassen sie sich Ihren Part mehrfach vorspielen, lesen ihn und sprechen mit. Das klappt richtig gut, in weniger als einer Stunde ist die Szene im Kasten, obwohl Bernard mehr Einstellungen dreht als bei den anderen Gelegenheiten.

Das wars.

Jetzt muss das Material noch gesichtet und zusammengeschnitten werden.

Dann brauchen wir die Einverständniserklärungen aller Mitwirkenden.

Dann können wir das fertige Video überall vorführen und auch im Internet verwenden.

Dann können wir damit an Schulen gehen und ähnliche Projekte anbieten.

Dann ...
 
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